Lieferketten – nicht ohne Risiken & Nebenwirkungen

Jedes Unternehmen ist Teil einer internationalen Lieferkette. Ihres nicht? Überlegen Sie nochmal. Wenn alles gut geht freut sich jeder über den einfachen und günstigen Bezug von Waren aus aller Herren Länder, preist die Möglichkeiten der Weltwirtschaft an und vertraut auf seine Spezialisten in der Beschaffungs- und Distributionskette. Doch wenn nur ein kleines - oftvermeintlich unbedeutendes - Glied ausfällt, so zerfällt oft die ganze Kette. Einige Katastrophen der jüngsten Vergangenheit, wie die Tsunamis in Südostasien oder das schwere Erdbeben in Japan, haben deutlich gezeigt, dass einzelne Akteure globale Warenströme beeinflussen können. So beispielsweise das Pigment Xirallic, dass für den Glitzereffekt im Lack einiger Automobilhersteller sorgt. Nach dem Erdbeben 2011 im Bezirk Fukushima musste das Herstellerunternehmen des Pigments die Produktion stoppen. Einige große Automobilhersteller zwang dies mangels der Aluminium-Oxid-Plättchen dazu,die Produktionen teilweise ruhen zu lassen undweltweit nach Ersatz zu suchen. Dieser Schock hat einige wachgerüttelt. In der Wissenschaftscheint das Thema zwar behandelt zu werden, aber immer noch in einem frühen Stadium zusein. Wie detektiere und bewerte ich solche Risiken,wie kann ich einen Plan B entwickeln undwas ist im Fall der Fälle zu tun? Wie so oft sind es externe Ereignisse, die uns erst wachrüttelnund antreiben. Naturkatastrophen, möglicheAnschläge, Piraterie oder politische Unruhenzwingen Unternehmen sich mit Fragen der sogenannten"Business Continuity" auseinander zu setzen. Man setzt so lange es möglich ist auf das St. Florians-Prinzip und agiert dann aber sofort nachhaltig und weitsichtig. Von Frühwarnsystemen oder beschriebenen Prozessen war aber bis dato Fehlanzeige. Löbliche Ausnahmen gibt es natürlich. Die vernetzte arbeitsteilige Wertschöpfung ermöglicht es uns mit ungeahnter Leichtigkeit Waren und Dienstleistungen global von Einzelpersonen oder Konzernen zu beziehen. Oft ist das selbst als Einzelunternehmer dank Austauschplattformen im Internet möglich. Internationale Logistikdienstleister bilden das Rückgrat. Aber es bleiben für einige Warengruppen meist nur wenige Anbieter bzw. Händler übrig. Das gilt für seltene Erden bis zur Kaschmir-Wolle. Diese haben ihre Supply-Chain oder eben Wertschöpfungskette unter Kontrolle. Sie wollen ja eben die Werte selber schöpfen und den Zugang zu den eigentlichen Ressourcen schützen. Wie hat sich nun das Thema in den letzten Jahren gewandelt und was bringt die Zukunft? Insbesondere unter der Annahme, dass die fortschreitende Vernetzung und Datenintegration hier weiter voranschreitet. Aber eben noch immerbei weitem nicht da ist, wo es trotz blumiger Aussagen der Industrie zu vermuten wäre. Das vorliegende Heft versucht unterschiedliche Beispiele von Akteuren im Thema Lieferkette zu beleuchten. Dabei wird nicht nur auf die dem Entstehungsprozess vorgelagerten Elemente eingegangen, sondern eben auch auf nachgelagerte Ketten. Also der Frage, wie nun die Wertschöpfung bis zum Endkunden getragen wird. Die Themen sind dabei so vielschichtig wie die Warenströme und ihre Akteure selber. Vorteile aus der Digitalisierung und Vernetzung liegen auf der Hand. Aber eben auch das Risiko und die Vorausschau, die eine internationale (und zudem oft undurchsichtige) Lieferkette mit sich bringt. Zudem nimmt das Thema sozialer Verantwortung und Umweltauflagen eine immer entscheidendere Rolle ein. Wenn Missstände im Bereich Menschenrechte, Korruption oder Umwelt bei einem der vielen Vorlieferanten z.B. für ein deutsches Nobelprodukt auftauchen, fallen die Schuldzuweisungen dank der internationalen Presse immer bei der größten "Marke" an. Unabhängig wie viel Transparenz vermeintlich schon herrschte. Gerade die westliche Welt ist auch historisch durch internationalen Handel groß geworden. Natürlich nicht immer zum Vorteil der am Austausch beteiligten Akteure. Die großen Seerouten der Antike oder auch der Landverkehr über die Seidenstraße haben nichts an Bedeutung und Brisanz verloren. Derjenige, der Warenströme und Zugang zu den Ressourcen kontrolliert, kontrolliert die Wirtschaft. Es bleibt zu hoffen,dass die augenscheinlichen Vorzüge der verzahnten Weltwirtschaft weiter zum Vorteil des Standortes Europa gereichen und dabei die Risiken deutlich kalkulierbarer werden.

Dipl.-Ing. Wolfgang Berger
Redaktion TiB

Foto: privat

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