Agrartechnik hat eine strategische Bedeutung

Die Agrartechnik ist mit einem geschätzten Jahres-Weltumsatz von etwa 100 Mrd. € eine aufstrebende Sparte des internationalen Maschinenbaus. Deutschland gilt bei vielen Maschinen seit den 1990er Jahren als globaler Technologieführer mit den absolut höchsten Exporten aller Länder.Das Leitthema der EXPO 2015 – Feeding the Planet, Energy for Life – veranlasste den Club of Bologna, hierzu gemeinsam mit der ehrwürdigen Italienischen Accademia dei Georgofili auf die EXPO 2015 in Mailand einzuladen. Als Fazit der offenen Veranstaltung verabschiedete der Vorstand des Club of Bologna die Charta „Milan Charter of Mechanization“. Danach wird der Agrartechnik erneut eine bedeutende Rolle für die langfristige Welternährung zuerkannt, wenngleich flankiert durch weitere Faktoren wie Standort, Züchtung, Düngung, Pflanzenschutz und Wasserverfügbarkeit.Man war in Mailand überwiegend der Meinung, dass man die Welt auch im Jahre 2050 ernähren kann, dass allerdings politische Rahmenbedingungen dabei auch weiterhin eine Rolle spielen werden.Die Rolle der Agrartechnik beschränkt sich nun allerdings nicht nur auf die Produktion von Nahrungsmitteln (plus Rohstoffe und Energie). Sie hat noch eine weitere, eher strategische Bedeutung. Bei einer Gegenüberstellung der Bruttosozialprodukte je Einwohner und der in der Landwirtschaft Tätigen zeigt sich sehr deutlich, dass nicht nur der Wohlstand der Landwirte, sondern sogar derjenige ganzer Volkswirtschaften mit dem Grad der Mechanisierung der Landwirtschaft korreliert. Der Grund ist einfach: Agrartechnik hat eine große volkswirtschaftliche Hebelwirkung dadurch, dass durch Technik Arbeitskräfte eingespart werden, die dann in anderen Bereichen der Volkswirtschaft für zusätzliche Wertschöpfung und letztlich für mehr Wohlstand und Sozialkultur sorgen können. Nur ein solcher Prozess kann Entwicklungsländer aus der Armut heraus führen, was aber wiederum nur geht, wenn die lokalen Regierungen das verstanden haben und fördern.Etwa 90% aller Volkswirtschaften der Welt rangieren in der Wertschöpfung hinteruns bei durchschnittlichen Brutto-Inlandsprodukten je Einwohner bis herunter zu jährlich um 700 US $. Aufholstrategien bedingen an erster Stelle Agrartechnik.Hier und dort können die reichen Länder helfen, etwa durch Technologietransfer, Ausbildungsförderung, Kooperationen und Investitionen. Frustrierend ist es, wenn vor Ort die geschilderten Zusammenhänge politisch nicht erkannt werden.Nicht wenige Wirtschaftsflüchtlinge suchen ihr Heil in Europa und würden doch eigentlich dringend in ihren Heimatländern gebraucht.

Prof. Karl-Theodor Renius

Vorstandsmitglied des Club of BolognaOrdinarius für Landmaschinen i. R. der TUM

Foto: privat

Was gibt es heute Interessantes?

Die aktuellen Termine mit technischen Veranstaltungen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.