Nahezu unbekannt – Das Schlüsselgerät 41

Viele Geschichten und noch mehr Geheimnisse

Ein Beitrag von Dr. Carola Dahlke, Deutsches Museum, Kuratorin für Informatik und Kryptologie

Kaum ein Chiffriergerät der Sammlung des Deutschen Museums gibt so viele Rätsel auf wie das Schlüsselgerät 41. Eigentlich hätte es zum Ende des Zweiten Weltkriegs die heute so berühmte Enigma ersetzen sollen. Aber es kam anders. Dr. Dahlke gibt einen Überblick über die Historie des geheimnisvollen Schlüsselgeräts und beleuchtet, warum das Gerät nie wirklich zum Einsatz kam.

1939 - Erfindung des Schlüsselgerät 41

Die Chiffrierabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) beanstandet, dass sämtliche Verschlüsselungsmaschinen nicht mathematisch auf ihre Sicherheit geprüft wurden. Deshalb besteht der Leiter der Chiffrierabteilung Fritz Menzer – entgegen der Ignoranz einiger Heeresmitglieder – auf die sofortige Entwicklung verbesserter Chiffriergeräte und erfindet u.a. das Schlüsselgerät 41, das die NSA später als „valuable asset“ bezeichnen, weil dessen Verschlüsselungsalgorithmus weitaus sicherer ist als der der Enigma. Aber das Heer blockiert.

1942 - Beginn der Produktion

Es erfolgt eine zweijährige Sicherheitseinschätzung aller verwendeten Chiffrierverfahren, mit dem Ergebnis: Fast alle Chiffriergeräte, vor allem die weitverbreitete Heeres-Enigma, werden offiziell als unsicher eingestuft. Deshalb entscheidet man sich ab 1943 zur Massenproduktion des Schlüsselgeräts 41.

Dokumente des Sächsischen Staatsarchivs belegen, dass die Wehrmacht rund 11.000 Maschinen bei der Wanderer Werke AG in Siegmar-Schönau bei Chemnitz bestellt.

Doch durch den Mangel an Leichtmetall zu Kriegsende wiegen die Maschinen fast 15 Kilogramm – viel zu schwer für den Feldeinsatz. Nur etwa 1500 Stück werden tatsächlich hergestellt.

1945 - Chiffriergeräte unter Verschluss

Wie die meisten Chiffriergeräte müssen auch sämtliche Schlüsselgeräte 41 zu Kriegsende gemäß der „Verschlußsachen-Vorschrift“ zerstört, versenkt oder verbrannt werden. Die wenigen Geräte, die tatsächlich den Krieg überdauert haben, sind in der Regel funktionsunfähig oder befinden sich für die Öffentlichkeit unzugänglich in den Depots diverser Geheimdienste. Unmittelbar nach Kriegsende protokolliert das Target Intelligence COMmitee (TICOM) der USA und Großbritannien sämtliche Aussagen deutscher Kryptologen in Kriegsgefangenschaft. Diese TICOM-Dokumente werden bis 2011 von der NSA unter Verschluss gehalten.

1973 - Geheimnisvoller Erfinder

Über den Erfinder des Schlüsselgeräts 41 Fritz Menzer (1908 – 2005) ist nur wenig bekannt. Nach dem Krieg gerät er in U.S.- und danach in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach 1951 wird er nicht mehr in offiziellen Dokumenten erwähnt. Allerdings erhält er aus nichtöffentlichen Gründen 1973 das Bundesverdienstkreuz der BRD.

1979 - Plagiatsvermutungen

Der bekannte Kryptologie-Hersteller Boris Hagelin (1892 – 1983) erwähnt in seiner Biografie das Schlüsselgerät 41 als eine Kopie seiner eigenen Maschinen – nicht ganz zu Unrecht, da Menzer tatsächlich den typischen Hagelin’schen Stangenwalzen-Mechanismus kopiert hat. Aber er entwickelte interessante Verbesserungen, z.B. einen unregelmäßigen Fortschaltungsmechanismus mit interagierenden Chiffrierwalzen – eine Lösung, die erst nach dem Krieg in den Hagelin’schen Maschinen auftaucht. Doch um den Einfluss zu verstehen, den jeder Erfinder auf den anderen hatte, benötigt man mehr Informationen, die zu dieser Zeit noch nicht zugänglich sind.

2011 - Allmähliche Rekonstruktion

Viele TICOM-Dokumente werden von der NSA freigegeben. Nun kann die Geschichte der Verschlüsselungsmaschinen rekonstruiert werden, die während des Kriegsverlaufs am OKW/ Chi entstanden. Doch die einschlägigen Dokumente über das Schlüsselgerät 41 und die persönlichen Interviews mit Fritz Menzer bleiben weiter unter Verschluss.

2013 - Ersteigerung durch das Deutsche Museum

Das Deutsche Museum ersteigert den stark restaurierten Seefund eines Schlüsselgeräts 41 Modell Z bei Christie’s in London. Das Gerät stammt aus einem See in Ostdeutschland und lag vermutlich 60 Jahre lang im Wasser. Wegen der Korrosion kann man keinerlei Rückschlüsse auf den Verschlüsselungsalgorithmus ziehen.

2017 - Ein brisantes Gerät

Zwei Hobby-Schatzsucher finden im Waldboden im Münchner Umland ein Schlüsselgerät 41 und übergeben den Fund dem Deutschen Museum. Irgendjemand muss es vor circa 70 Jahren vergraben haben. Das Gerät ist ebenfalls stark korrodiert. Die Restaurierungsforscher des Deutschen Museums finden heraus, dass die Tastatur der Maschine aus Cellulosenitrat besteht. Diese schwierige Substanz zerfällt bei Wärme und Lichteinfall und emittiert nitrathaltige Gase, die das Exponat selbst sowie alle anderen schädigt, die in derselben Vitrine stehen. Deshalb müssen spezielle Bedingungen für die Lagerung und Ausstellung des Gerätes geschaffen werden.

2018 - Ungewisse Zukunft

Wird es in Zukunft möglich sein, Menzers Erfindung vollständig in den Lauf der Geschichte einzuordnen und eine Simulation zu schreiben? Wahrscheinlich schon – denn in Sammlerkreisen gibt es noch funktionsfähige Schlüsselgeräte 41. Ein Stuttgarter Ingenieur hat mit viel Mühe und langjähriger Erfahrung ein Original zum Laufen gebracht und akribisch dessen Algorithmus aufgezeichnet.

Bald wissen wir hoffentlich mehr.