Wir haben jetzt Null Maschinen-Emissionen im Stallgebäude

Interview mit Landwirt und Bauingenieur Franz-Xaver Demmel 

Die TiB sprach mit Franz-Xaver Demmel über Automatisierung, Nachhaltigkeit und neue Energiekonzepte in der Landwirtschaft. Demmel berichtet als Landwirt eines Familienbetriebs auch über den Stand der Automatisierung in seinem Betrieb und stellt seine Herangehensweise vor, um neue Standards in der Milchproduktion zu realisieren. Ein Blick in die Gegenwart und Zukunft der automatisierten Tierhaltung.

Technik in Bayern: Sie bewirtschaften einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit dem Schwerpunkt Milchproduktion und planen einen Neubau und die Aussiedelung des Kuhstalls. Was sind Ihre Gründe?

Franz Demmel: Unser Laufstall ist nach knapp 40 Jahren etwas in die Jahre gekommen und bietet in punkto Kuhkomfort – also Aufstallung, Melkstand etc. – nicht mehr das Beste.

Wir haben mit unserem Hof eine Ortsmittenlage und da wird es mit einem Um- oder Neubau vor Ort aufgrund der Emissionen schwierig, weshalb wir den Betrieb in die Ortsaußenlage verlagern, auch um die neuen Standards realisieren zu können.

TiB: Im neuen Stall soll ein Automatisches Melksystem (Melkroboter) eingesetzt werden. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?

Demmel: Ein Milchviehbetrieb ist ein Knochenjob, 365 Tage im Jahr, und es verwundert nicht, dass heute 75 % aller neuinstallierten Anlagen Melkroboter sind. Diese Möglichkeit der Automatisierung ist zum einen ein Gesundheitsschutz – zum anderen hat man ganz andere Kontrollmöglichkeiten z. B. über die Milchinhaltsstoffe, die Leitfähigkeit usw.

TiB: Wie muss sich der Stall verändern?

Demmel: Wir hatten über 100 Jahre den Anbindestall und seit ca. 50 Jahren bis heute werden Laufställe gebaut. Die Entwicklung geht rasant voran und die technischen Möglichkeiten sind vielfältig: es gibt neben Melkrobotern, Fütterungs- und Spaltenroboter und Sie können die Beleuchtung, die Lüftung und die Stallklimatisierung automatisieren. Wir haben schon festgestellt, dass wir die Stallgrundrisse verändern müssen und dann stellt sich noch die Frage, was in den nächsten 10 – 15 Jahren entwickelt wird und ob das Modell zukunftsfähig ist. Ein Problem ist, dass es in der Innenwirtschaft keine Standardisierung der Schnittstellen gibt. Das ist die (bau-)technische Seite.

TiB: Wieviel Automatisierung vertragen die Kühe, der Bauer und der Stall eigentlich?

Demmel: Eine schwierige Frage. Man hat schon festgestellt, dass sich das Verhalten der Kühe durch den Robotereinsatz im Stall ändert und das wird auch schon untersucht. Ganz ungeklärt ist beispielsweise auch, ob die Tiere protestieren würden, wenn der Roboter die Fütterung um eine halbe Stunde verschiebt. Eine Automatisierung innerhalb der in der Landwirtschaft manchmal über Jahrhunderte tradierten Strukturen – seien es Ställe oder Denkweisen – ist nicht einfach.

TiB: Wie ist der Stand der Automatisierung auf Ihrem Hof?

Demmel: Unser Automatisierungsgrad ist verbesserungswürdig und erfordert jetzt den nächsten Schritt – sprich den Neubau. In punkto Elektrifizierung unserer Maschinerie, also Autos, Arbeitsmaschinen, Futtermischer etc. sind wir schon sehr weit, denn wir haben ganz bewusst entschieden, wo es sinnvoll ist, elektrische Antriebe einzusetzen.

TiB: Es gibt doch noch immer den steuerlich begünstigten Agrardiesel. Warum stellen Sie trotzdem um?

Demmel: Zuerst muss ich noch anmerken, dass ich vor meinem Bauingenieurstudium noch Umwelttechnik studiert habe, und es liegt mir schon am Herzen, dass wir auch in der Landwirtschaft nachhaltig arbeiten. Ein weiterer Punkt ist, je mehr Autarkie ich für mich erreichen kann, desto lieber ist mir das. Wenn Sie knallhart betriebswirtschaftlich rechnen, dann kann ich es nicht darstellen, den Futtermischwagen elektrisch zu betreiben. Aber auch hier kommt der Gesundheitsaspekt hinzu: Sie fahren in einem geschlossenen Stall mit einem dieselbetriebenen Fahrzeug – und wir reden hier nicht von der neuesten Generation abgasreduzierter Maschinen. Für Mensch und Tier kein schöner Zustand.

Durch den elektrischen Hoftraktor und den elektrischen Futtermischwagen haben wir jetzt Null Maschinen-Emissionen im Stallgebäude. Mit dem Hoflader zum Ballenstapeln in der Halle gehen wir den nächsten Schritt. Aber das Wichtigste ist, dass es funktioniert, auch weil wir immer von der Machbarkeit kommen, das gilt auch für unsere E-PKW. Für die ganz schweren Tätigkeiten, für die ich einen Diesel brauche, sehe ich momentan allerdings noch keine elektrische Lösung.

TiB: Zu einem Energiekonzept gehört dann die Produktion und Nutzung von Eigenstrom durch Photovoltaik?

Demmel: Momentan speisen wir unseren Strom noch ein, aber mit dem Neubau des Stalles mit der nötigen Automatisierung und unserer E-Fahrzeugflotte wollen wir den produzierten Strom speichern und in einem weiteren Schritt auch die Speicher der Fahrzeuge selbst nutzen.



TiB: Wie möchten Sie die Eigenstromproduktion und -nutzung realisieren?

Demmel: Zuerst muss ich die Ladeströme so beschränken, dass ich eine bezahlbare Kabelstruktur aufbauen kann. Bei einem Traktor können wir ca. 700 Betriebsstunden und 8000 Stunden Standzeit annehmen, somit wäre dieser Traktor ein toller, großer Speicher.

Unsere Vision wäre: wir nutzen die machbaren Möglichkeiten an Elektrofahrzeugen, erzeugen den Strom über Photovoltaik selbst und speichern in alle Speichermedien. Vielleicht könnte diese Anlage sogar der Netzstabilisierung dienen, erste Kontakte zu den Bayernwerken gibt es schon. Ein Modell wäre, dass die ländlichen Speicher vom Versorger je nach Bedarf ansteuerbar wären.

TiB: Vom Prinzip her also ein Smart Grid?

Demmel: Ja, die Idee ist, ein Modell zu erarbeiten, ein offenes System für jede Art der Stromerzeugung und jede Art und Betriebsgröße der Höfe, die das regionale Netz absichern können.

TiB: Es geht also um nachhaltige Automatisierung?

Demmel: Ganz genau. Im Grunde genommen versuchen wir die Milchproduktion weitestgehend auf elektrischer Basis zu automatisieren und dies zusammenzubringen mit der Produktion regenerativer Energie. Wie und ob das passt und welche Abstimmungen nötig sind, das werden wir am Stallneubau sehen.

TiB: Im Förderungskatalog des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten findet man die Automatisierung nicht unmittelbar. Besteht hier nach Ihrer Meinung Nachholbedarf?

Demmel: Wir werden als Gesamtbetrieb vom Ministerium gefördert. Das Bundesministerium hat ein Netz von Testbetrieben, die sich Richtung Tierwohl orientieren. Natürlich wäre es angesichts der vielen neuen Techniken notwendig, diese auch in einem Netz von Testbetrieben zu untersuchen. Das ist wirklich schade. Die Hochschule Weihenstephan versucht mit einer Anzahl von Verbundprojekten mit Industrie, Forschung und Praxis an Förderungsgelder zu kommen, aber das ist der einzige Weg.

In Bezug auf die Stromspeicherung ist aufgrund der technischen Entwicklungen heute schon ein Punkt sichtbar, der die Speicherung von Strom in der Landwirtschaft auch wirtschaftlich sinnvoll macht und hier wäre eine staatliche Förderung sehr sinnvoll. Momentan können wir das wegen der hohen Speicherkosten und der begrenzten Lebensdauer noch nicht darstellen, aber in unserem Pilot-Projekt wollen wir die Steuerungen und die Aktoren modellhaft abstimmen und dafür wäre eine Unterstützung hilfreich.

TiB: Das ist technisch sehr anspruchsvoll, denn es gibt bei der Tierhaltung ein hohes Maß an Automatisierung aber keine Vernetzung. Ändert sich das in absehbarer Zeit?

Demmel: Da bin ich eher pessimistisch, man muss befürchten, dass die nächsten 10 – 15 Jahre keine Vernetzung kommt. Es wird kein ISO-BUS-System für das Protokoll geben. Hier teilen sich fünf Firmen den Weltmarkt und die haben schlicht kein Interesse daran, dass man sich untereinander vernetzen kann. Hier müssen wir andere Lösungen für die Vernetzung finden und deswegen ist es wichtig, dass wir hier einen Pilotbetrieb haben. Im Übrigen sind auch die Stromversorger – bei uns die Bayernwerke – an solchen Lösungen interessiert. Hier wurde gerade die Bayernwerk Regio Energie GmbH mit einem Modellprojekt in Abensberg gegründet, die in einem Umkreis von 30 Kilometern einen lokalen Strommarkt etablieren wollen.

Das Interview führten Fritz Münzel und Silvia Stettmayer

Über den Familienbetrieb Huabahof

Der Huabahof in Schönrain bei Königsdorf im Landkreis Bad Tölz - Wolfratshausen ist ein Familienbetrieb mit 50 Milchkühen, 35 Stück Jungvieh und 15 Kälbern, der nach den Grundsätzen der Biolandwirtschaft bewirtschaftet wird. Das Viehfutter wird auf 90 ha Grünland geerntet.