Für hohe Gleichzeitigkeiten ist das Netz nicht ausgelegt

Zukünftige Energieversorgung

Interview mit Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft e.V. – VBEW.

Die TiB sprach mit Detlef Fischer über die Energieversorgung der Zukunft. Dabei ging es um flexible Stromtarifen, erneuerbare Energien und die Realisierung von Smart Grids zur Verbindung moderner Kommunikationstechnik im Energiesystem. Fischer erklärte außerdem, wie es zu den hohen Strompreisen in Deutschland kommt und warum Elektromobilität so bedeutend für die Energiewende ist.

Technik in Bayern: Ein Stichwort bei den zukünftigen Stromnetzen ist „Flexibilität“, die Versorgungssicherheit scheint dagegen unantastbar. Wäre es nicht sinnvoll hier zu differenzieren, d.h. die Sicherheit abzustufen und verbraucherspezifisch zu bepreisen?

Detlef Fischer: Zugegeben, einige unserer Verbandsmitglieder befürworten eine Öffnung in Richtung Flexibilität. Ich persönlich habe eine andere Meinung, denn in unserem hochindustrialisierten Land hat sich in den letzten 30 – 40 Jahren eine Erwartungshaltung des Konsumenten entwickelt, die ich mit „Alles ist immer und sofort da“ umschreiben möchte. Deshalb wird die Gesellschaft auch beim Strom nur eine bedarfsgerechte Versorgung akzeptieren und deshalb bin ich der Überzeugung, dass die Flexibilität beim Hausanschluss aufhören sollte. Das dezentrale Stromversorgungssystem muss so gut sein, dass es die Anforderungen eines volatilen Stromerzeugungsangebots im System, z. B. über Speicher, abfängt, damit der Verbraucher möglichst wenig merkt. Das ist meiner Meinung nach der primäre Wunsch des Verbrauchers. Auch beim Gas ist das früher gängige Modell der unterbrechbaren Versorgung quasi abgeschafft.

TiB: Gibt es diese neuen Geschäftsmodelle mit flexiblen Tarifen schon und wie stellt sich ein Versorger zu neuen Modellen?

Fischer: Ja, es gibt flexible Tarife, z. B. bei einem Anbieter aus Österreich, das ist aber ein reines Nischenprodukt. Es gibt eine sog. marktliche Flexibilität, die die Stromvertriebe wollen, und die bedeutet, wenn z. B. viel Solarstrom produziert wird, dass dieser auch verbraucht werden soll, da der Börsenpreis niedrig ist und damit die Margen gut sind. Der Netzbetreiber andererseits lehnt dieses Modell ab, denn das Netz ist nicht auf hohe Gleichzeitigkeiten ausgelegt. Er will eine Flexibilität des Kunden, die das Netz möglichst gleichmäßig auslastet. Hier gibt es auch im Verband keinen gemeinsamen Nenner.

TiB: Apropos Solarstrom: Die Einspeisung aus vielen kleinen Photovoltaikanlagen ist doch ein Paradigmenwechsel. Was sind die Probleme?

Fischer: Ich produziere selbst Photovoltaik-Strom und speise diesen teilweise ins Netz ein. Dafür gibt es ein zertifiziertes, intelligentes Messsystem für die Einspeisung und den Verbrauch. Leider funktionierte es erstmal nur bis zum nächsten Software-Update und eine Vorort-Wartung ist teuer und aufwändig. Damit wird der Spieß umgedreht, denn als Stromkunde hatte man über Jahrzehnte nichts mit seinem Stromanbieter zu tun. Als sog. Prosumer ist man für die Funktionalität selbst verantwortlich und man muss sich auch kümmern wollen. Diese Systeme müssen stabil sein und dürfen nur wenig kosten. Da wird es noch viel Ernüchterung geben.



TiB: Sind „Flextarife“ also teurer?

Fischer: Es gibt hier schon Ansätze. Das führt natürlich zu Kosten beim Kunden, die er vorher nicht hatte und die auch exorbitant hoch sein können. Eine Technikerarbeitsstunde kostet 100 Euro und wenn die Stromrechnung im Jahr durchschnittlich 1000 Euro beträgt, dann wird es schnell unwirtschaftlich.

TiB: Für zelluläre Netze wird die Steuerung mit Hilfe der Blockchain Technologie diskutiert, die aber inzwischen als Energiefresser gebrandmarkt ist. Besteht hier nicht die Gefahr, dass in Summe keine Energie gespart wird, eher im Gegenteil?

Fischer: Das ist zu befürchten, denn einer Studie zufolge liegt der Energieverbrauch einer einzigen Blockchain-Transaktion bei 200 kWh, und das jetzige Modell ist sicher keine Lösung. Angestoßen wurde diese Diskussion durch eine gravierende Änderung: Zur Ermittlung des Stromverbrauchs wurde früher einmal im Jahr der Stromzähler abgelesen. Das schlug für den Kunden mit 12 Euro zu Buche. Wenn man heute Flextarife anbietet, die alle 15 Minuten wechseln, dann sind das jährlich 35.000 einzelne Geschäftsvorgänge, die abgerechnet werden müssen. Das ist ein immenser administrativer Aufwand und finanziell mit herkömmlicher Technik nicht mehr darstellbar. Darum wird verzweifelt nach einer automatischen Methode, die kleinstteilige Geschäftsvorgänge abrechnen kann, gesucht. Und diese „Abrechnungsflut“ ist nur ein Teil der eigentlichen Krux dieses dezentralen Energiemodells: Es ist eine wahnsinnige Materialschlacht, sowohl in administrativer Art und Weise als auch von der Hardware-Seite.

Wenn Sie beispielsweise das Kernkraftwerk ISAR II nehmen: Hierdurch wurden eine Mio. Menschen mit Strom versorgt und man brauchte einen Spannungsregler am Generator. Heute haben wir – bei geringerer Stromproduktion – 500.000 PV-Anlagen, und die brauchen ca. drei Mio. Wechselrichter und drei Mio. Spannungsregler. Das ist für alle toll, die daran verdienen, aber es zieht einen gigantischen Aufwand nach sich. Sie können diese Rechnung auch für Blockheizkraftwerke anwenden. Leider wird dieser unglaubliche Aufwand bei der Diskussion über die Hyper-Dezentralisierung vergessen. Und über Reparaturen und Austausch haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Ich bin der Meinung, dass wir Systeme mit möglichst wenig Komponenten brauchen, denn auch in der Energiewende ist das Heben von Skalierungseffekten nicht verboten.

TiB: Was sind die Gründe, dass die „Smart Grids“ seit Jahren diskutiert, aber nicht realisiert werden?

Fischer: Auf einen Nenner gebracht kann man sagen, Smart Grids sind für den Privatbereich zu teuer sowie in den Steuersystemen und den Abrechnungsmodalitäten zu komplex. An einem einzelnen „smarten“ Kühlschrank verdient nur die Firma Bosch, denn es ist sehr aufwändig, Geräte „smart ready“ zu konstruieren. Und wie gesagt, das nächste Softwareupdate kommt bestimmt.

TiB: Welche Rolle kann die Verfügbarkeit von Batterien der e-Autos für die Netzstabilisierung spielen und was muss dafür getan werden?

Fischer: Meiner Meinung nach, können Themen wie zelluläre Netze und Smart Grid in privaten Haushalten nur dann eine Rolle spielen, wenn es die Möglichkeit der Elektroautos als bidirektionaler Speicher gibt. Der Durchbruch der Energiewende wird durch die Elektromobilität gelingen, da bin ich mir ganz sicher.

TiB: Was sind die Gründe dafür, dass wir in Deutschland europaweit die höchsten Strompreise haben?

Fischer: Wir haben in Deutschland den Kardinalfehler gemacht, dass die komplette Energiewende über den Strompreis finanziert worden ist. Nach der Liberalisierung des Strommarktes wollte man staatliche Einflüsse eigentlich zurückdrängen. Durch die staatlichen Zusatzbelastungen des Strompreises, sprich das EEG, ist aber genau das Gegenteil passiert und dadurch ist der Markt kaputtgegangen.

TiB: Energie ist ja viel mehr als nur Strom. Warum bestimmt fast ausschließlich der Strom die Diskussion um die neuen Energiekonzepte?

Fischer: Die Energiediskussion fokussiert sich meiner Meinung fast ausschließlich auf den Strom, weil es hier das EEG gibt. Der große Bereich (Heiz-)Wärme wird nicht angegangen, weil Steuerförderungen für energetische Haussanierungen zu erheblichen Steuerausfällen führen könnten und beim Verkehr sehe ich die Angst der Politik vor dem Wähler und der Automobilindustrie.

TiB: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Fritz Münzel und Silvia Stettmayer

Über den VBEW

Der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (VBEW) repräsentiert seit über 100 Jahren mit seinen rund 400 Mitgliedsunternehmen die bayerische Strom-, Gas-, Fernwärme-, Wasser- und Abwasserwirtschaft.

Mehr Informationen über den Verband finden Sie auf der Website des VBEW